1824-2004: 180 JAHRE DEUTSCHE AUSWANDERUNG NACH BRASILIEN
von
Dietrich Köster
Der
Süden des heutigen Brasiliens (die Staaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná)
war während des 18. Jahrhunderts ein zwischen den Kolonialmächten Spanien und Portugal
umstrittenes Gebiet. 1778 wurde von diesen Nationen ein Abkommen geschlossen, das zu einer
Übertragung der Küste des Golfs von Guinea einschließlich der Inseln Fernão do Pó
(Fernando Póo) und Ano Bom (Annobón) auf Spanien führte. Andererseits gab Spanien seine
Ansprüche auf den Süden des heutigen Brasiliens auf.
Diese Gegend war dünn besiedelt. Das war auch der Grund, daß die Gefahr der
ausländischen Besetzung blieb, sogar nach der Unabhängigkeit des von der spanischen
Kolonialherrschaft befreiten Argentiniens. Die Bedrohung setzte sich auch nach der
Unabhängigkeit Brasiliens, als sich der portugiesische Kronprinz als Dom Pedro I. zum
Kaiser von Brasilien erklärte, fort. Seine Gemahlin Kaiserin Dona Leopoldina
Tochter des Kaisers Franz I. von Österreich förderte nachhaltig die Auswanderung
von Menschen aus den verschiedenen Gebieten deutscher Sprache Mitteleuropas. Diese
Auswanderung, die sich ab dem 25. Juli 1824 auf den Süden Brasiliens richtete, war ein
bedeutender Beitrag für die Verteidigung und die Festigung der südlichen Grenzen des
Kaiserreiches Brasilien.
Dieses Tages wurde 2004 in Brasilien als des 180. Jahrestages der deutschen Einwanderung
in Brasilien gedacht. So begann die Geschichte der Siedler deutscher Sprache:
Die erste Gruppe der Einwanderer kam aus dem Hunsrück und gründete 1824 São Leopoldo.
Sie rodete den Urwald und schuf Bauernhöfe mittlerer Größe (70 ha), ohne Sklaven als
Arbeitskräfte zu beschäftigen. Mit Hilfe ins Vale dos Sinos (Glockental) eingewanderter
Handwerker entwickelte sich Novo Hamburgo (Neu-Hamburg) zu einem Zentrum der
Schuhindustrie, die heute die bedeutendste in ganz Brasilien ist. Die Geschichte der
deutschen Siedlung im Staat Rio Grande do Sul wird im Parque do Imigrante
(Einwandererpark) in Nova Petrópolis, einer Stadt mit 90% Deutsch-Brasilianern,
dargestellt. In São Leopoldo befindet sich das Museu do Imigrante (Einwanderermuseum)
unter der Leitung von Prof. Telmo Lauro Müller. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde
die Siedlung Blumenau von Dr. Blumenau, der aus dem damaligen Herzogtum Braunschweig
stammte, gegründet. Pommern ließen sich in der Ortschaft Pomerode, eine Bezeichnung, die
darauf hinweist, daß Menschen dieses deutschen Landes (Pommern) den Urwald gerodet haben,
nieder. Heute ist Pomerode als die deutscheste Stadt Brasiliens bekannt.
Die Stadt Blumenau entwickelte sich zum bedeutendsten Standort der Textilindustrie von
ganz Lateinamerika mit der Firma Hering als dem größten Unternehmen. Die Nachkommen der
deutschen Einwanderer dieser Stadt feiern schon seit Jahren das Oktoberfest nach dem
Vorbild von München, der Hauptstadt Bayerns.
1843 wurde die Stadt Petrópolis als kaiserliche Sommerresidenz unter Mitwirkung des
deutschen Ingenieurs Köhler gegründet. 1845 trafen die ersten deutschen Siedler ein. Die
Namen der verschiedenen Stadtteile Petrópolis' erinnern an die Gebiete und Ortschaften,
aus denen die Einwanderer kamen: Renânia (Rheinland), Mosela (Mosel), Simméria
(Simmern), Castelânea (Kastellaun), Bingen, Ingelheim, Darmstadt.
Die gesetzliche Vorschrift von der Heydtsches Reskript, die Mißbräuche im Arbeitsleben
Brasiliens aufdeckte, führte zu einer zeitweiligen Verringerung der Zahl der Einwanderer
aus Preußen, dem damals größten deutschen Staat.
Für die erste Siedlergeneration war das Leben sehr hart. Alles hing von der
Eigeninitiative der einzelnen Menschen und der Siedlergemeinschaft ab. Der brasilianische
Staat kümmerte sich um nichts. Es war reine Notwendigkeit, daß die Siedler ihre eigenen
Schulen und Kultureinrichtungen schufen. Die portugiesische Sprache spielte damals nur
eine untergeordnete Rolle, weil die Siedler vom übrigen Brasilien noch recht isoliert
waren.
Während in den 1920er Jahren eine kleine Auswanderungswelle nicht nur den Süden des
Landes, sondern auch die großen Städte wie São Paulo und Rio de Janeiro erreichte,
sahen die 1930er Jahre vor allem eine Zuwanderung von Juden, die von dem
nationalsozialistischen Regime Deutschlands und Österreichs verfolgt wurden. So wurde die
Stadt Rolândia im Staat Paraná in dieser Zeit von deutschen Juden gegründet.
Mit der Präsidentschaft von Getúlio Vargas (1930-45) mußte sich das private deutsche
Schulsystem der deutschen Siedler unter dem Druck der Nationalisierungspolitik in
öffentliche Schulen mit national-brasilianischer Ausrichtung umbilden.
1940 ereignete sich mit der militärischen Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland
etwas Außerordentliches:
Tausende vom Nazismus verfolgte Personen baten im portugiesischen Konsulat in Bordeaux im
Südwesten Frankreichs um ein Visum für die Einreise nach Portugal. Es waren der Konsul
Aristides de Sousa Mendes und seine Mitarbeiter, die 30.000 Visen ohne Ermächtigung durch
den damaligen Vorsitzenden des Ministerrates António de Oliveira Salazar, der zu jenem
Zeitpunkt zusätzlich das Amt des Außenministers bekleidete, ausstellten. Mit diesen
Visen konnten die Verfolgten von Lissabon nach Übersee fliehen. Ein großer Teil hatte
die Möglichkeit nach Brasilien, einem Land, das im Jahr 1940 noch den Status einer
neutralen Macht besaß, auszuwandern. Tausende von Menschenleben wurden auf diese Weise
gerettet.
Eine Ausstellung, die den früheren portugiesischen Konsul ehrt, wurde am 21. September
2004 eröffnet und war bis zum 23. Oktober desselben Jahres in der Nationalbibliothek in
Lissabon zu sehen.
Während des 2. Weltkrieges Brasilien schickte als einziges iberoamerikanisches
Land ein Expeditionskorps auf den europäischen Kriegsschauplatz (Italien) war es
in Brasilien verboten, in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen.
Nach Ende der Feindseligkeiten entspannte sich die politische Lage. Eine neue deutsche
Einwanderungswelle auch wenn sie klein war erreichte Brasilien. Dieses Mal
handelte es sich um von den Nazis verfolgte Menschen und um alte Nazis, die jetzt eine
Bestrafung wegen begangener Kriegsverbrechen befürchteten.
Darüber hinaus unterscheidet man zwei Gruppen:
Die Mennoniten aus Rußland stammend und die Donauschwaben, die 1945 aus dem
ehemaligen Jugoslawien flüchteten. Beide Einwanderergruppen gründeten eigene Siedlungen
im Staat Paraná mit dem Ziel, Landwirtschaft zu betreiben. Diese wirtschaftliche
Betätigung ist inzwischen zu einem großen Erfolg und Vorbild für die anderen Einwohner
von Paraná geworden.
Andererseits begann schon in den 1930er Jahren eine Einwanderung von qualifiziertem
Personal aus Deutschland, das beim Aufbau der brasilianischen Industrie besonders
im Süden und Südosten mitgewirkt hat. Heute ist die Region São Paulo der Teil
Brasiliens mit der höchsten Industriedichte und das Gebiet, wo die deutsche Wirtschaft
immer noch mehr investiert als in jedem anderen Teil der Welt.
Nach Schätzungen kamen 250.000 deutsche Auswanderer während der letzten 180 Jahre nach
Brasilien, die zu 5 Millionen Nachkommen von Brasilianern deutscher Abstammung geführt
haben. Dabei ist aber zu beachten, daß nicht alle der deutschen Sprache mächtig sind.
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