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Afrika Französischer Kolonialismus

Mayotte

von Dietrich Köster

Mayotte stellt einen kleinen Archipel von 374 km² in der Meeresstraße von Mosambik auf halbem Wege zwischen dem Norden der Republik Mosambik und dem Nordwestzipfel der großen Insel der Republik Madagaskar dar. Dieser gehört zusammen mit den Inseln Grande Comore, Anjouan und Mohéli zur Inselgruppe der Komoren.

Während die drei letztgenannten Inseln nach einer Volksabstimmung im Jahre 1974 im Jahr darauf als Islamische Bundesrepublik der Komoren – heute Union der Komoren – nach 134 Jahren unter französischer Herrschaft einseitig ihre Unabhängigkeit von Frankreich erklärt haben, ist die vierte Insel der Komoren – Mayotte – als Gebietskörperschaft (Collectivité territoriale) Teil des Französischen Staatsverbandes geblieben.

Seit dem Jahr 2.000 besitzt Mayotte den Status einer Collectivité départementale und ist damit auf dem Weg zu einem Überseedépartement, einem Status den Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana und La Réunion bereits seit 1946 besitzen. Nach der Planung des Französischen Überseeministeriums wird Mayotte im März 2011 mit allen Rechten und Pflichten eines Überseedépartements ausgestattet sein, um im Januar 2014 eine Region in äußerster Randlage der Europäischen Union/Région ultrapériphérique de l’Union européenne zu werden. Im Hauptort Mamoudzou besitzt Mayotte bereits eine Präfektur als höchste Verwaltungsbehörde und einen Generalrat mit von der Bevölkerung gewählten Abgeordneten.

Der Archipel von Mayotte besteht im Wesentlichen aus der größten Insel Grande-Terre und der danach größten Insel Petite-Terre. Zusammen mit einer Reihe kleiner Inseln und Eilande ist diese Inselwelt von einem Korallenriff umgeben, das eine der größten Lagunen der Welt enthält. Dabei besitzt der Archipel im Mont Bénara mit 653 m als höchster Erhebung Mittelgebirgscharakter.

Mayotte ist ungefähr 1.500 km vom nächsten Überseedépartement La Réunion und 8.000 km vom Französischen Mutterland entfernt. Die Bevölkerung besteht nur aus wenigen Franzosen aus dem Mutterland. Die große Mehrheit sind Nachkommen von Festlandafrikanern, Madegassen, Arabern und Malaien. Die Gesamtzahl der Einwohner beträgt 184.770. Damit besitzt Mayotte mit 475 Einwohnern pro km² eine der weltweit höchsten Bevölkerungsdichten.
Von einer kleinen Zahl Katholiken der europäischen Minderheit abgesehen sind die Bewohner von Mayotte seit der Missionierung durch arabische Seefahrer und Händler Anhänger des Islam der sunnitischen Richtung, wobei diese Religion den Alltag der Mahorais – so nennt man die Einwohner von Mayotte – prägend gestaltet.

Das Klima dieses Archipels ist tropisch-feucht mit zwei markanten Jahreszeiten:
Die Regenzeit von Oktober bis März mit Monsunregen, der Mayotte aus dem Norden erreicht und Temperaturen von über 25°C bringt.
Die Luftfeuchtigkeit steigt dann auf über 80%.
Die Trockenzeit hält von April bis September während des Südwinters an.
Die Luftfeuchtigkeit und die Niederschläge sinken und die Südostpassat-Winde bringen dann eine geringe Abkühlung.

Was die wirtschaftliche Betätigung angeht, steht die Landwirtschaft im Vordergrund. 30% der Gesamtfläche werden hierfür genutzt. 16.000 Haushalte sind landwirtschaftliche Betriebe, was 56% aller Haushalte entspricht. Der Anbau von Maniok und Bananen stehen im Vordergrund. Die Viehzucht spielt dagegen keine große Rolle. In den Export gehen die Zimternte und Ylang-Ylang. Letztere ist eine Pflanze, die als Grundstoff für die Herstellung von Parfum dient. Beide Erzeugnisse gehen ausschließlich ins Französische Mutterland, wobei Ylang Ylang dort in der Parfumindustrie weiterverarbeitet wird.
Schließlich gibt es Fischfang in der großen Lagune von Mayotte und in der Straße von Mosambik. Seit 1999 gibt es einen Fischzuchtbetrieb, der auch exportiert.
Der Dienstleistungssektor gewinnt immer mehr an Bedeutung. Im Handel gibt es neben zahlreichen Kleinbetrieben, die über alle bewohnten Inseln verteilt sind, neuerdings in Städten wie Mamoudzou und Dzaoudzi Supermärkte und weitere moderne Verkaufsflächen.

Die Verbindungen zur Außenwelt sind zufriedenstellend. Während die Hafenkapazitäten ausgebaut werden, ist eine Erweiterung des Flughafens schwierig. Da große Flugzeuge bisher nicht landen können, spielt die Flugverbindung mit mittelgroßen Flugzeugen nach La Réunion die ausschlaggebende Rolle.
Aber auch hier soll für Abhilfe gesorgt werden: Die Convention de Développement vom 13. Dezember 2002 sieht die Investition von 100 Millionen € – verteilt über 5 Jahre – vor. In diesem Rahmen ist eine Verlängerung der Landebahn und ein Neubau des Flughafengebäudes vorgesehen.
Der noch in den Kinderschuhen steckende Fremdenverkehr hängt von guten Flugverbindungen ab. 8.000 Touristen von Kreuzfahrtschiffen haben 2001 Mayotte besucht.
Betont sei aber, daß bei allen Fortschritten zu bedenken ist, daß die wirtschaftliche Entwicklung des Archipels entscheidend von den Finanzspritzen des Mutterlandes und der Europäischen Union abhängt. Dies gilt besonders für die Verkehrsinfrastruktur, die Wasserver- und -entsorgung und den Bau und den Unterhalt von Krankenhäusern und Schulen.

Das Schulwesen

Bei Schuljahranfang 2002 gab es 56.459 Schüler. Diese verteilten sich auf 39.100 Schüler im Vorschul- und Primarschulbereich und 17.359 im Sekundarschulbereich. Die Zahl der Schüler wächst ständig, so daß es im Schuljahr 2001/2002 6,4% mehr Schüler als im Jahr davor gab.
Seit 4 Jahren wird dem Umstand der steigenden Schülerzahl durch die Vermehrung der Stellen für Lehrer und das übrige Schulpersonal um 300 Rechnung getragen. Trotzdem reicht das Personal an den verschiedenen Bildungsstätten nicht aus.

Die Massenmedien

Es existiert ein staatlicher Fernsehsender mit weitgehender Programmübernahme aus Paris. Ergänzend gibt es regelmäßige Nachrichtensendungen, die in einem kleinen Studio vor Ort – d.h. in Mayotte – produziert werden.
Télé Mayotte ist daneben ein privater Fernsehsender, der über Satellit empfangen werden kann.
Schließlich gibt es 11 kleine Hörfunksender.

Was die Presse angeht, unterscheidet man zwischen der Tagesszeitung “Flash Infos”, einer Wochenzeitung “Mayotte hebdo” und der Monatszeitung für Informationen aus der Wirtschaft “L’Eco Austral”. Außerdem existieren zwei Anzeigenblätter, die den Lesern auf den Inseln kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Die Bevölkerungsgruppen und ihre Sprachen

Die 2004 gezählten fast 185.000 Einwohner Mayottes stellen eine Rassenvermischung von Austronesiern – dies ist die Herkunftsbezeichnung für die vor Jahrhunderten vom Ostrand des Indischen Ozeans eingewanderten Madegassen – , Schwarzen vom afrikanischen Festland, Weißen (vor allem Franzosen), Malaien, Mulatten, Arabern und anderen dar.

Die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung ist shimaoré, das von 71,3% der Bevölkerung gesprochen wird und aus einer Mischung von Bantu-Spachen der ostafrikanischen Küste und des Arabischen besteht. Es ist die komorische Variante des Kisuaheli, einer Sprache, die in Ostafrika zur wichtigsaten Verkehrssprache aufgestiegen ist.

Im einzelnen verteilen sich die Sprachgruppen gemäß der nachstehenden Übersicht:

Die Mahorais mit shimaoré der Bantu-Sprachgruppe: 109.800 Einwohner

Die Shibushi-Madegassen mit bushi der austronesischen Sprachfamilie: 41.700 Einwohner

Die Komorer (Einwanderer der drei anderen Komoren-Inseln) mit shimaoré der Bantu-Sprachgruppe: 22.120 Einwohner

Die Swahilis mit kisuaheli der Bantu-Sprachgruppe: 4.600 Einwohner

Die Franzosen mit Französisch der romanischen Sprachgruppe: 4.080 Einwohner

Die Makhua-Meetto mit makhuwa-meetto der nigero-kongolesischen Sprachfamilie: 1.190 Einwohner

Die Makonde mit makonde der nigero-kongolesischen Sprachfamilie: 680 Einwohner

Die Zuwanderer von La Réunion mit créole – einer Mischsprache von Französisch und Bantu-Sprachen, dem Créole von Mauritius und den Seychellen ähnlich – 340 Einwohner

Die Araber mit arabisch der hamitisch-semitischen Sprachgruppe: 149 Einwohner

Die Malaien mit malaiisch der austronesischen Sprachfamilie: 120 Einwohner

Das ergibt eine Gesamteinwohnerzahl von 184.770.

Die Bewohner Mayottes, die die verschiedenen Schulen seit Beginn der Kolonisierung durch Frankreich durchlaufen haben, besitzen das Französische als Zweitsprache. Schätzungen besagen, daß dies heute für 60% der Inselbewohner zutrifft.

Die Madegassen bilden mit fast 25% Bevölkerungsanteil die größte Minderheit. Ihre Sprache wird auch als sakalava oder antalaotsi bezeichnet. Sie leben über die Hauptinsel verteilt in etwa 20 Dörfern außer im Nordosten dieser Insel. Sie sprechen im allgemeinen shimaoré oder das Französische als Zweitsprache.

Die Schwarzafrikaner (Swahilis, Makhua-Neetto und Makonde) sprechen kisuaheli (2,4%) makhuwa-meetto oder maca (0,6%) oder makonde (0,3%). Unter sich bedienen sie sich des Kisuaheli. Sie besitzen aber auch Kenntnisse des Shimaoré und manchmal auch Französisch-Kenntnisse.

Die Weißen – auch Wazungu genannt – kennen im allgemeinen die Französische Sprache und sind die einzigen einsprachigen Inselbewohner. Daneben gibt es eine ganz kleine Minderheit von kreol-sprachigen Einwohnern, die Nachkommen von Schwarzen und Weißen von den Maskarenen sind, besonders von La Réunion.
Schließlich gibt es noch winzige Minderheiten von Syrern mit arabisch, Malaien mit malaiisch und Indern mit gudscherati jeweils als Mutter- und Erstsprache.

Die größten Städte des Archipels sind der Hauptort Mamoudzou mit 31.000 Einwohnern – auf Grande-Terre gelegen – und Dzaoudzi mit 19.000 Einwohnern auf Petite-Terre.

Seit 1841 stellt Französisch die Sprache der Verwaltung und der Schule dar. Andererseits ist die Sprache der Kolonialherren in der täglichen mündlichen Kommunikation praktisch nicht vorhanden. Schließlich ist die französische Sprache in keinem Fall die ersterworbene Sprache der eingesessenen Bevölkerung. Sie wird vielmehr als Fremdsprache empfunden.
Obwohl Französisch die einzige Amtssprache ist, sprechen nur 30% der Mahorais diese Sprache. Selbst auf den 3 Komoren-Inseln, die die Union der Komoren bilden, ist der Prozentsatz der Bewohner, die des Französischen mächtig sind, höher. Dies erstaunt um so mehr, als die Mahorais auf der Einführung des Status als Département d’Outre-Mer der Französischen Republik bestehen. Vorbild ist La Réunion.
Die andere Sprache, die in der täglichen Kommunikation praktisch keine Rolle spielt, ist arabisch.

Die Mehrzahl der jungen Mahorais besuchen neben der staatlich verordneten Pflichtschule noch die Kurse der privat organisierten Koranschule, wo die arabische Sprache in Verbindung mit dem Inhalt des Korans gelehrt wird.

Das Programm sieht folgendermaßen aus:
Von 3 bis 6 Jahre – Erlernung des arabischen Alphabets und der Silben
Von 6 bis 9 Jahre – Erläuterung, Schreiben und Einprägung der ersten Suren des Korans
Von 9 bis 13 Jahre – Erläuterung der übrigen Suren
Von 13 bis 15 Jahre – Einführung in die Art des Betens, Erläuterung der übrigen religiösen Texte des Islam

Trotz der großen Bedeutung des Arabischen in den Koranschulen ist diese Sprache kein Verständigungsmittel. Sie ist eine Sakralsprache, die dem Lateinischen des Christentums – besonders der Katholischen Kirche – vergleichbar ist.

Einzelheiten zur Sprachpolitik für Mayotte

Grundsätzlich werden alle Französischen Gesetze in Mayotte angewandt. In der Praxis sieht das so aus, daß mehrere Gesetze hier nicht automatisch angewandt werden. Andere werden an die örtliche Situation angepaßt. Aufgrund des Artikels 2 der Französischen Verfassung bleibt Französisch die Amtssprache von Mayotte: Die Sprache der Republik ist das Französische/La langue de la République est le français.

In der Praxis gibt es aber eine Politik des Laissez-faire:
Die Mahorais sprechen weiterhin ihre Sprache – in der Regel shimaoré – und benutzen bei öffentlichen Auftritten zu 60% das Französische.

Die gesamte örtliche Verwaltung bedient sich des Französischen (mündlich und schriftlich) und des Shimaoré (mündlich) – seien es nun der Generalrat, die Gendarmerie, die Kommunalverwaltung, der Rundfunk oder die Printmedien.

Die islanisch-religiösen Gerichte bedienen sich beider Sprachen, auch wenn sich die staatlichen Gerichte ausschließlich ans Französische halten. Die Kadis und anderen islamischen Funktionsträger können sich in Ausübung ihrer Aufgaben des Arabischen bedienen.

Während in den Koranschulen nur das Arabische gelehrt wird, erfolgt der Schwenk zum Französischen als Unterrichtssprache bei Halbzeit des Vormittags mit dem Unterricht in der Kommunalschule. Das bedeutet, daß die jungen Mahorais am Ende der Primarschule nur über bescheidene Kenntnisse in der Amtssprache verfügen. Dies ändert sich mit dem Eintritt in die Sekundarschule – dem Collège. Hier und im sich anschließenden Lycée wird der gesamte Unterricht auf Französisch erteilt.

Es sollte aber auf ein Gesetz hingewiesen werden, das von der Französischen Nationalversammlung als Loi d’orientation pour l’outremer – Gesetz 2000-1207 vom 13. Dezember 2000 verabschierdet wurde und am 14. Dezember 2000 in Kraft getreten ist. Im Artikel 34 heißt es, daß die Regionalsprachen in den Überseedepartements Teil des sprachlichen Erbes der Nation sind. Damit gibt es jetzt eine staatliche Förderung des Gebrauchs der Lokalsprachen und -dialekte.

Dies ist um so wichtiger als nur wenige Schüler Französisch als Muttersprache besitzen. Besonders die Schüler, die in ihrer einheimischen Sprache noch Analphabeten sind, finden es schwierig, das Französische zu erlernen, zumal dieser Sprachunterricht überhaupt nicht auf die örtlichen Verhältnisse und Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten ist.
Noch immer lernen die Schüler: “Nos ancêtres, les gaulois … “

Da die Schulbücher ganz auf die Vorstellungswelt der Schüler des Mutterlandes ausgerichtet sind, kommen sich die meisten Schüler wie Fremde im eigenen Land/auf der eigenen Insel vor.
Praktische Schlußfolgerungen sind aus den neuen gesetzlichen Bestimmungen bisher noch nicht gezogen worden, geschweige denn, daß sie zu einer durchschlagenden Änderung geführt hätten. Schließlich sind Absichtserklärungen noch keine neue Wirklichkeit.
Festzuhalten bleibt aber, daß im Zweifel bei auftretenden Schwierigkeiten sich die Sprache der Métropolitains – der Franzosen – behauptet bzw. durchsetzt.

Im Bereich der Medien gibt es bei den gedruckten Veröffentlichungen ausschließlich das Französische.
Zwei private, örtliche Radiosender bedienen sich dagegen der Shimaoré-Sprache.
Die Französische Fernsehgesellschaft für Übersee (RFO) strahlt das Programm von France 2, France 3 und des Kanals 5 mit einem Tag Verzögerung gegenüber dem Mutterland im Archipel von Mayotte aus.
Eine örtliche, tägliche Nachrichtensendung auf Französisch wird durch eine entsprechende wöchentliche Sendung in der Shimaoré-Sprache ergänzt.

Im Wirtschaftsleben nimmt das Französische einen breiten, beherrschenden Raum ein. Bei der mündlichen Verständigung spielen die Sprachen shimaoré und kisuaheli durchaus eine Rolle.
Seit wenigen Jahren bedient sich die Werbewirtschaft auch der letztgenannten Sprachen, um gewissen Produkten mehr Lokalkolorit zu verleihen.

Schlußbetrachtung

So läßt sich das Fazit ziehen, daß die Sprachpolitik der Französischen Regierung es darauf anlegt, die örtliche Sprache shimaoré im Rahmen der Staatsverwaltung und des staatlichen Schulwesens schlichtweg außer Acht zu lassen.
Dies ist übrigens eine typische Praxis von Kolonialherren, die örtliche Sprachen durch ihre eigene europäische Sprache ersetzen.
Die Mahorais leben in einer Welt der kulturellen und sprachlichen Vielfalt.
Die Sprachen shimaoré, kisuaheli, arabisch und Französisch machen sich kaum Konkurrenz. Die Rollenverteilung sieht so aus:

Shimaoré dient der informellen Kommunikation – Familie, Freunde, Bekannte.
Arabisch ist die Sprache der Ausübung der islamischen Religion.
Kisuaheli ist wichtig für die Handelsbeziehungen mit den Bewohnern der ostafrikanischen Küste.
Französisch dient der formellen Kommunikation in der Verwaltung und in den öffentlichen Schulen.

LECLERC, Jacques, L’aménagement linguistique dans le monde, “Île  Mayotte”, Québec, décembre 2016, [http://www.axl.cefan.ulaval.ca/afrique/mayotte.htm]
Stand: Mitte 2005
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Afrika Französischer Kolonialismus Seychellen

Seychellen – Die soziale und politische Rolle des Seychellen-Kreols

von Dietrich Köster

Offizielle Bezeichnung: Republic of Seychelles/République des Seychelles/Repiblik Sesel
Hauptstadt: Victoria/Mahé
Amtssprachen: Englisch, Französisch, Seychellen-Kreol
Zahl der Einwohner: 87.500 (2009)
Fläche: 455 km²
Währungseinheit: Seychellen-Rupie (SCR)
Unabhängigkeitstag: 29. Juni 1976

Beim Seychellen-Kreol handelt es sich um eine französisch-basierte Kreolsprache, die in der Zeit der zögerlichen französischen Kolonisierung der inneren und äußeren Inseln der Seychellen zwischen 1742 und 1814 entstanden ist und sich in der nachfolgenden britischen Kolonialherrschaft stabilisierend weiterentwickelt hat. Dabei sollte es trotz des Englischen als neuer kolonialer Amtssprache nicht zur Herausbildung einer englisch-basierten Kreolsprache kommen.

1981 – 5 Jahre nach der Unabhängigkeit – erhielten neben Englisch auch Französisch und das Seychellen-Kreol – Seselwa genannt – durch eine Verfassungsänderung den Status einer Amtssprache. Es war der durch Staatsstreich 1977 als Präsident an die Macht gekommene France-Albert René, der die Förderung des Seychellen-Kreols Seselwa vorantrieb.
95% der Bevölkerung sprechen dieses Kreol als Erstsprache vor dem Englischen und Französischen.
Seselwa dient in der Grundschule als Unterrichtssprache. Auf diese Weise erfolgt die Alphabetisierung im Seychellen-Kreol.
In der Schule wird Seselwa als Fach seit 1982 gemäß folgendem Zeitplan unterrichtet:

Im ersten Trimester der 1. Klasse: 6 Stunden und 40 Minuten
Im 2. und 3. Trimester der 1. Klasse: 6 Stunden
In der 2. Klasse: 5 Stunden und 20 Minuten
In der 3. Klasse: 5 Stunden und 20 Minuten
In der 4. Klasse: 2 Stunden und 20 Minuten
In der 5. Klasse. 2 Stunden
In der 6. Klasse: 2 Stunden
In der 7. Klasse: 1 Stunde und 20 Minuten

Mit fortschreitendem Schulbesuch kommen als Lehrgegenstand und danach auch als Unterrichtssprache erst Französisch und später Englisch hinzu, wobei in den obersten Klassenstufen das Englische dem früher erlernten Französisch den Rang abläuft, so daß die Sekundarabschlußprüfungen auf Englisch abgelegt werden.

In den ersten vier Schuljahren werden alle Fächer auf Seselwa unterrichtet. Ab der 5. Klasse beschränkt sich der Unterricht in Seselwa auf die Fächer Kunsterziehung, Familienleben und Staatsbürgerkunde und auf Aktivitäten außerhalb des Klassenraums.

Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß der Anteil der Wörter nicht-französischen Ursprungs mit zunehmender Vollständigkeit des Wortschatzes wächst.

Es wird beim Seselwa zwischen 5 Varianten unterschieden:
1. Le créole fin – stark französisiert, in bürgerlichen Kreisen gesprochen
2. Le gros créole – von der einfachen Bevölkerung gesprochen
3. Le créole grand bois – auf dem Lande gesprochen
4. Le gros créole mozambique – die Sprache der Bauern afrikanischen Ursprungs
5. Le créole des bulletins d’information – die Sprache der Politiker und der Massenmedien, etwas künstlich und mit Anleihen aus dem Englischen durchsetzt

In den elektronischen Massenmedien werden 20% auf Seselwa ausgestrahlt. Die übrige Sendezeit ist Programmen in englischer und französischer Sprache gewidmet.
Während private Zeitungen ausschließlich auf Seselwa erscheinen, publiziert die Tageszeitung “The Seychelles Nation” auf Englisch, Französisch und Seselwa.

Trotz dreier anerkannter Amtssprachen spielt Englisch im Behördenverkehr eine führende Rolle, gefolgt von Französisch und weit abgeschlagen von Seselwa.
Die Beschilderung der Ministerien und sonstigen Dienststellen ist stets dreisprachig in der Reihenfolge Englisch, Französisch, Seselwa.

Da die Seychellen in der französischen Kolonialzeit und danach während der britischen Kolonisierung bis 1901 von Mauritius aus verwaltet wurden, ähnelt die Grammatik des Seselwa weitgehend der des Kreols von Mauritius, dort als Morisyen bezeichnet.

Die Förderung und Weiterentwicklung des Seselwa obliegt dem in der Hauptstadt Victoria auf der größten Insel Mahé angesiedelten Linstiti Kreol, das auch die Lehre des Seselwa in den Schulen begleitet.

Hinzugezogene Literatur:

Leclerc, Jacques, “Les Seychelles”, in: L’aménagement linguistique dans le monde, Québec, Université Laval, [https://www.axl.cefan.ulaval.ca/afrique/seychel.htm], aufgerufen am 19. Dezember 2010

Bollée, Annegret, Romanische Kreolsprachen, V. Französische Kreolsprachen/Les créoles romans, V. Les créoles français, in: LRL VII, 1998, S. 662-679

Kapitel “Seychelles” in <http://fr.wikipedia.org/wiki/Seychelles>, aufgerufen am 19. Dezember 2010

Livi, Giovanni, in: The Courier, Africa-Caribbean-Pacific – European Community, number 119, January-February 1990, p. 60-62, Dossier: National languages, SEYCHELLES, Using Creole (Seselwa) in schools: a cultural challenge

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Deutscher Kolonialismus Französischer Kolonialismus Niederländischer Kolonialismus Ozeanien Portugiesischer Kolonialismus Spanischer Kolonialismus

Koloniale Erkundung und Ausbreitung auf Neuguinea

Verfasst von Davide Parassoni. Übersetzt von Dietrich Köster

PORTUGIESISCHE ERKUNDUNG

Die Insel Neuguinea wurde das erste Mal vom portugiesischen Forscher António de Abreu 1512 gesichtet und wurde vom portugiesischen Gouverneur der Molukken Jorge de Meneses 1526 erreicht, nachdem Monsunstürme sein Schiff, das nach Waigeo auf Ternate unterwegs war, abgetrieben hatte (Karte 1). Meneses fand einen guten Ankerplatz an der Küste von Vogelkop – der nordwestlichen Halbinsel von Neuguinea -, wahrscheinlich in der Bucht von Geelvink (Karte 1) und taufte die gerade entdeckten Inseln Inseln der Papuas (Inseln der Kraushaarigen).

SPANISCHE ERKUNDUNG

1528 wurden die Schouten-Inseln (Biak Karte 1) und die Insel Manus (Karte 3) vom Spanier Álvaro de Saavedra Cerón bei seinem Versuch, Mexiko von Indien aus anzusteuern, erreicht.

Karte 1
Karte 1

1537 erreichen die beiden spanischen Forscher Grijalva und Alvarado die von de Saavedra vorher besuchten Inseln. Am 20. Juni 1545 werden die Inseln vom Spanier Inigo Ortiz de Retes an Bord des Schiffes “San Juan” erreicht. Es ist die Mündung des Flusses Santo Agustín (Mamberamo Karte 1). Er nahm die Inseln im Namen des spanischen Königs in Besitz. Er tauft die Hauptinsel Neuguinea, weil die örtliche Bevölkerung der afrikanischen Bevölkerung ähnelte. Auf derselben Reise gelangt das Schiff bis zum heutigen Wewak (Karte 3) und entdeckt viele der benachbarten Inseln.

1606 entdecken Prado und Torres, auch Spanier, den heutigen Hafen Port Moresby (Karte 2).

NIEDERLÄNDISCHE ERKUNDUNG

1605 fuhr der Niederländer Willem Jansz auf einer Strecke von 220 Meilen die Südküste Neuguineas entlang. Die Insel Neuirland (Karte 3) und die Admiralitätsinseln wurden 1616 von den niederländischen Seefahrern Willem Corneliszoon Schouten und Jacques Le Maire entdeckt.

1623 landet Jan Carstenszoon mit der Absicht Informationen über den örtlichen Handel zu gewinnen an an der Südküste. Ab 1636 drängen sich die Interessen am nordwestlichen Teil der Insel seitens der niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) geradezu auf. Sie entsendet Gerrit Pool als Agenten. Er soll die Handelspotentiale der Region ausfindig machen.

1705 wird von der VOC eine niederländische Expedition aus den drei Schiffen “Geelvink”, “Kraanvogel” und “Nova Guinea” unter der Führung von Jacob Weyland entsandt. Sie soll die Küsten der Insel weiter erkunden.

NIEDERLÄNDISCHE KOLONISIERUNG

1828 proklamieren die Niederländer die Besitzergreifung über den Teil der Insel, der heute indonesisches Territorium ist.

Die erste ständige Niederlassung wird in Triton Bay gegründet und Merkussoord genannt (Karte 1). Im Zentrum dieser Ansiedlung wird ein Fort aus Stein errichtet: Fort de Bus. Von diesem Fort haben wir eine ausführliche Beschreibung: Direkt am Meer gelegen, war es quadratisch und von zwei Palisadenzäunen umgeben. An den vier Ecken waren vier Kanonen postiert und an der Meerseite waren ein 3-Pfünder und ein 6-Pfünder aufgestellt und dazwischen wehte die niederländische Flagge. Rund um das Fort gab es einen dichten Urwald. Die Niederländer trachteten danach, diesen zu lichten, um so die Wirksamkeit der Geschütze zu erhöhen. Das Fort wurde 1836 nach Angriffen der Eingeborenen aufgegeben. Krankheiten hatten die Bevölkerung, die aus 13 Europäern und zwanzig indischen Soldaten mit ihren Familien bestand, dezimiert. 1846 forderte der britische Kapitän Yule am Kap Possession (Karte 2) die Insel Neuguinea als britische Besitzung. Die Forderung wird von der Britischen Krone nicht bestätigt, aber sie verpflichtet die Niederlande, ihre Gebietsansprüche auf Neuguinea zu rechtfertigen.

1849 hat sich eine Expedition unter Führung von D. J. van den Dungen Gronovius zum Ziel gesetzt, die niederländischen Besitzungen auf Neuguinea zu demarkieren und Eisenflaggen mit der Aufschrift “Indische Nederlanden” und das königliche Wappen an den Anlegestellen der nordwestlichen Küste wie in Dorei (Manokwari Karte 1) anzubringen.

1875 wird die Linie, die von der Humboldt-Bucht nach Süden dem Meridian folgt, als Grenze im Osten angesehen.

1878 befindet sich in Andai ein Warenumschlagplatz.

In den folgenden Jahren dient die Erforschung des Inselinnern rein wissenschaftlichen Zwecken, und die Besitzung auf der Insel wird nicht weiterentwickelt.

BRITISCHE ERKUNDUNG UND BRITISCHER KOLONISATIONSVERSUCH

Karte 2
Karte 2

1700 wird die Insel Neubritannien (Karte 3) von William Dampier entdeckt.

1775 deutet sich der Versuch des Händlers Thomas Forrest an, eine Pflanzung in Dorei in der Geelvink-Bucht anzulegen.

1793 ergreift John McCluer – ein in Indien stationierter Offizier – im Namen der Britischen Krone Besitz von der Insel Gebè. Im Juli desselben Jahres ergreift der britische Kapitän Bampton Besitz von der Insel Darnley (Karte 2), den benachbarten Inseln und der gegenüberliegenden Küste von Neuguinea. Der Kapitän John Hayes von der Marine Bombays und Vertreter der britischen Ostindien-Kompanie ergreift am 25. Oktober 1793 Besitz von der Restoration Bay (Ex-Dorei) und gründet die Ansiedlung New Albion an dem Ort, wo es eine Balken-Palisade gibt, die Fort Coronation genannt wird. Die Niederlassung zählt anfänglich eine Bevölkerung von 40 Europäern. Das beanspruchte Territorium dehnt sich von Waigeo im Westen bis zur Insel Rossel (Karte 2) im Osten aus. im Mai 1795 wird die Ansiedlung aufgegeben, da sie weder das Interesse der Britischen Krone, noch der britischen Ostindien-Kompanie genießt.

1872 wird die Bucht, wo sich heute Rabaul erhebt, erkundet. Im folgenden Jahr wird von Kapitän Moresby die Bucht erkundet, wo sich danach die gleichnamige Stadt erheben wird.

DIE FREIE KOLONIE “NOUVELLE FRANCE”

Die Insel Neuirland ist ab dem 16. Januar 1880 Ort des ersten Versuchs einer ständigen Ansiedlung von Franzosen, die nicht von ihrem Mutterland unterstützt werden, sondern gerazu im Gegensatz zu ihm stehen. Befehligt vom Marquis de Rays wird die in Port-Breton (Port Praslin) gegründete Ansiedlung Kolonie “Nouvelle France” genannt. Das erste Schiff mit Kolonisten, die aus ganz Europa kommen, legt zuerst an der Insel Laughlan an, wovon einige Kolonisten Besitz egreifen. Schließlich gelangt das Schiff im Januar 1880 nach Port Breton. Da der Ort für eine Ansiedlung als ungeeignet erachtet wird, fährt das Schiff nach Likiliki (Metlik) weiter (Karte 3). Da der erste Kommandant der Kolonie – de la Croix – auch diese Lage als unwirtlich erachtet, kehren fast alle an diesem Unternehmen beteiligten 800 Kolonisten nach Sydney zurück. Die 60 Personen starke Kolonie, die entschlossen ist sich anzusiedeln, wird von McLaughlin geleitet, der vom 16. Januar bis 25. August 1880 den Posten des stellvertretenden Kommandeurs innehatte. Nur durch das Eingreifen einiger in Port Hunter stationierter Missionare werden viele Kolonisten vor den dort vorkommenden Tropenkrankheiten bewahrt. Im März 1880 sticht ein zweites Schiff – kommandiert von Rabardy – mit Armeeoffizieren und Polizisten von Barcelona aus in See. Es soll in Kap Breton die Ansiedlung für die Kolonisten bauen, die die Reise bereits bezahlt haben. Die Erweiterung der Siedlung und die teilweise Urbarmachung der ausgesuchten Böden für die Niederlassung reichten nicht aus, um die Kolonie zu stabilisieren. Die fortgesetzten Epidemien führten schließlich im Februar 1882 zur Aufgabe des Siedlungsversuchs und zur Rückkehr der gesamten Kolonistengemeinschaft nach Sydney.

BRITISCHES PROTEKTORAT

Karte 3
Karte 3

Am 03. April 1883 annektiert das Territorium Queensland (Nordost-Australien) die südöstliche Küste von Neuguinea aus Furcht vor Eingriffen seitens feindlicher europäischer Mächte (Deutschland) in seinem Einflußgebiet im Namen des Vereinigten Königsreichs. Die Flagge, die in Port Moresby gehißt wurde, war jene der Briten. Aber die Britische Krone erkannte die Besitzergreifung dieses Gebietes nicht sofort an.

Am 06. November 1884 proklmiert das Vereinigte Königreich das Protektorat über den südöstlichen Teil der Insel, die Neuguinea heißt. Der Sitz des Kommandos ist in Port Moresby. Die Grenze zum deutschen Schutzgebiet wird mehrfach neu festgelegt und schließlich auch an der Ostküste in Mitre Rock (Karte 2). Im Westen bleibt die 1875 mit den Niederländern festgelegte Grenze in Kraft.

BRITISCHE KOLONIE

Am 04. September 1888 wandelt das Vereinigte Königreich das Protektorat in eine Kolonie um.

Ab 01. September 1906 wird die Verwaltung der bisherigen britischen Kolonie Neuguinea auf Australien übertragen.

DEUTSCHES SCHUTZGEBIET

Am 19. November 1878 erwirbt Deutschland seine erste Kolonie im Pazifik: die Ralik-Inseln, die einen Teil der Marshall-Inseln bilden.

Am 26. Mai 1884 wird in Berlin die Neu-Guinea Compagnie (NGK) gegründet.

Am 03. November 1884 erreichen die Kriegsschiffe SMS “Elisabeth” und SMS “Hyäne” die Insel Matupi im Bismarck-Archipel, und Deutschland proklamiert die Schutzherrschaft über den nordöstlichen Teil Neuguineas – Kaiser-Wilhelmsland genannt – nacheinander mit dem Verwaltungssitz in Finschhafen (1885-1891), Friedrich-Wilhelmshafen (1891-1899), Herbertshöhe 1899-1909) und Rabaul (1909-1914) für ganz Deutsch-Neuguinea (Karte 3). Am 04. November 1884 wird auf der Insel Mioko die deutsche Reichsflagge gehißt. Am 23. Dezember 1884 erteilt Bismarck die Anweisung, daß jede neue Erwerbung der NGK unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt wird. Dies schließt auch die Admiralitätsinseln, die Hermit- und Anchorite-Inseln, Neupommern (heute: New Britain), Neumecklenburg (heute: New Ireland), Neuhannover (heute: New Hanover oder Lavongai) ein.

Am 24. November 1884 wird die Ansiedlung Finschhafen gegründet. (Karte 3).

Vom 17. Mai 1885 bis 1899 wird die deutsche Kolonie von der Neu-Guinea Kompagnie verwaltet.

Vom 04. bis 10. März 1885 finden deutsch-britische Gespräche über die Einflußzonen im Pazifik statt.

1886 erkennt das Vereinigte Königreich die deutschen Einflußzonen im Pazifik an. Deutschland werden die Inseln Bougainville, Choiseul und Santa Isabel zuerkannt. 1899 wurden jedoch die beiden letztgenannten Inseln an Großbritannien abgetreten.

1891 wird die Ansiedlung Finschhafen wegen einer Malaria-Epidemie aufgegeben.

Vom 01. April 1899 bis zum 10. November 1914 wird die Kolonie unmittelbar vom Deutschen Reich ohne Zwischenschaltung einer Kolonialgesellschaft verwaltet.

1909 wird der Verwaltungssitz nach Rabaul auf der Insel Neupommern (heute: New Britain) verlegt.

1907 wird eine staatliche Schule in Namanula bei Rabaul eröffnet. 1910 wird eine Sekundarschule auf Saipan eröffnet.

Am 18. Dezember 1910 wird die Grenze zwischen Deutsch- und Niederländisch-Neuguinea nach der Entdeckung von natürlichen Hindernissen im Inneren der Insel neu festgelegt.

Am 11. November 1914 werden die deutschen Territorien von Australien besetzt und kommen als Folge der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg an Australien (offiziell am 10. Januar 1920 nach dem Versailler Vertrag).

BIBLIOGRAPHIE:

– Whittaker, Gash, Hookey and Lacey, Documents and Readings in New Guinea History, The Jacaranda Press, Milton, 1975.© Copyright Whittaker, Gash, Hookey and Lacey, 1975.

Die Karten stammen aus: http://www.papuaweb.org maps pages.© Copyright UNIPA – ANU – UNCEN PapuaWeb Project, 2002-2003.

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Britischer Kolonialismus Deutscher Kolonialismus Französischer Kolonialismus Kamerun

Kamerun während der deutschen Kolonisierung und der französischen und britischen Völkerbunds-Mandats- und VN-Treuhandschaft (1884-1961)

Verfasst von Dietrich Köster

Die deutsche Kolonialzeit

Im Jahre 1482 kam der Portugiese Fernão do Pó als erster Europäer an die Küste des inneren Golfs von Guinea und fand einen großen Reichtum an Krabben vor. So nannte er die dortige Mündung des Wuri Krabbenfluß – Rio dos Camarões. Die heutige Bezeichnung für das ganze Land Kamerun ist von dieser portugiesischen Namengebung abgeleitet.

1868 richtet der Hamburger Reeder Woermann eine Schiffahrtslinie nach dem inneren Golf von Guinea ein und fördert damit die Schaffung von Überseeniederlassungen deutscher Kaufleute.

1884 kommt der bisherige deusche Konsul in Tunis hier an und schließt zwei Verträge mit dem Stamm der Duala ab und läßt am 14. Juli des gleichen Jahres die kaiserlich-deutsche Flagge in Kamerunstadt hissen. Auf diese Weise unterstreicht er die Besitzergreifung des Küstenbereichs der Mündung des Wuri. 1902 wird der Ort der Vertragsunterzeichnung in Duala umbenannt.

Der sogenannte britische “Too-late consul” Hewitt kam einige Tage zu spät und konnte nicht mehr für die britische Krone von Kamerun Besitz ergreifen.

1885 wurde Julius Freiherr von Soden zum ersten Gouverneur der Kolonie Kamerun ernannt. Dabei ist der deutsche Fachausdruck Schutzgebiet Kamerun.

Die Erforschung des Kolonialgebietes wurde zwischen 1884 und der Jahrhundertwende in Etappen vorgenommen, wobei von Süden nach Norden vorgegangen wurde. So wurde der Tschadsee 1901 erreicht.

So manche Plantage wurde geschaffen: Kakao-, Bananen-, Kaffee-, Ölpalmen-, Tabak- und Kautschukpflanzungen

1911 wurde der Export von Bananen aus Kamerun für den deutschen Markt mit Kühlschiffen der Woermannlinie aufgenommen.

Während die Amtssprache Kameruns Deutsch war, stellte sich die Rolle des Deutschen als Unterrichtssprache in den Schulen nicht einheitlich dar.
Während die katholische Mission der Pallotiner den Unterricht auf Deutsch anbot, zog die protestantische Basler Mission es vor, den Unterricht in der Sprache Duala zu erteilen. So unterhielten die Pallotiner freundschaftliche Beziehungen zu den Kolonialbehörden, was für die Basler Mission nicht in gleichem Maße zutraf.

Nachdem die Kolonialverwaltung bei der Basler Mission vorstellig geworden war, beschränkten sich die Basler Missionare auf die Erteilung des Religionsunterrichts in der einheimischen Sprache. Alle anderen Fächer wurden von nun an in deutscher Sprache erteilt.

Schließlich existierte während der ganzen deutschen Kolonialperiode ein entscheidendes Problem. Es handelt sich um das sogenannte Pidgin-Englisch als Verständigungsmittel entlang der Küste, eine Erscheinung, die bis auf den heutigen Tag existiert.

1891 versucht Gouverneur von Zimmerer die deutsche Sprache für alle Schulfächer einzuführen, um allmählich Verwaltungspersonal unter deutschsprechenden Kamerunern zu gewinnen. Schließlich bestimmte 1910 ein Erlaß von Gouverneur Seitz, daß keine europäische Sprache außer Deutsch und keine einheimische Sprache mehr in der Schule Verwendung finden dürfe.

Im November 1911 wurde Kamerun um Neu-Kamerun zu Lasten der Nachbarkolonien von Französisch-Äquatorialafrika (AEF) erweitert. Dies war das Ergebnis eines deutsch-französischen Abkommens über Marokko, das den Franzosen freie Hand in Marokko gab.

Mit dem Ausbruch des Krieges im Jahre 1914 besetzten französische, britische und belgische Truppen, die aus Nigeria, Ubangi-Schari und aus Belgisch-Kongo kamen, Kamerun. Am 18. Februar 1916 war das ganze deutsche Schutzgebiet erobert.
Die deutsche Schutztruppe überquerte die Grenze mit Spanisch-Guinea (Rio Muni), um hier oder in Spanien interniert zu werden.

Vom französisch-britischen Übergangszeitraum zu den Völkerbundsmandaten und den Treuhandgebieten der Vereinten Nationen

Mit der Niederlage der deutschen Schutztruppe für Kamerun haben sich die französischen und britischen Besatzungsstreitkräfte Kamerun auf ungleiche Weise aufgeteilt:
das westliche Fünftel an der Grenze zu Nigeria ging an Großbritannien und die östlichen vier Fünftel an Frankreich
Auf der Grundlage des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 hat der Völkerbund den westlichen Teil Großbritannien und den Ostteil Frankreich als Mandat zugeteilt.
Neukamerun wurde wieder in die Territorien von Französisch-Äquatorialafrika (AEF) integriert.

Auf diese Weise begann eine unterschiedliche Entwicklung nach den Vorstellungen der beiden Mandatsmächte:

Ostkamerun

Die Franzosen haben ihr Kolonialsystem der Assimilation auf ihren Teil Kameruns übertragen.

Die Beschulung erfolgte ausschließlich in französischer Sprache. So war es streng untersagt, die einheimischen Sprachen zu gebrauchen.
Gleichzeitig wollte man damit jede Spur der deutschen Sprache auslöschen.

Im Amtsblatt für den Staat Kamerun konnte man 1924 lesen:
Die französische Sprache ist die einzige Sprache, die in der Schule Anwendung findet. Es ist den Lehrern untersagt, sich im Umgang mit ihren Schülern der einheimischen Sprachen zu bedienen.

Um anerkannt zu werden, mußten selbst die Privatschulen die Unterrichtserteilung zwingend auf Französisch vornehmen.
Die protestantische amerilkanische Mission war höchst unzufrieden, daß sie die Sprache der Alphabetisierung Boulou durch Französisch ersetzen mußte und damit den gesamten Unterricht in der Sprache der Mandatsmacht erteilen mußte.

Diese autoritäre Einstellung kam auch klar in dem amtlichen Rundschreiben vom 8. Dezember 1921 zum Ausdruck:
Keine Schule darf ihren Lehrbetrieb durchführen, wenn der Unterricht nicht auf Französisch erteilt wird. Diese Vorschrift bedarf keiner Rechtfertigung.
Zwischen den Eingeborenen und uns kann es nur eine enge Beziehung durch die Einführung der Eingeborenen in unsere Sprache geben.
Folglich achteten der Hochkommissar der Französischen Republik und seine Mitarbeiter auf die strikte Einhaltung des Gebrauchs der französischen Sprache in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Schulwesens.

Während die deutschen Pflanzer 1922 zurückkehren konnten, wurden sie am Tag des Kriegsausbruchs im Jahr 1939 interniert und ihre Pflanzungen beschlagnahmt.
Mit dem deutschen Sieg über Frankreich im Juni 1940 blieb der Südosten Frankreichs unbesetzt. Dieser Teil Frankreichs nannte sich von nun an Französischer Staat /Vichy-Frankreich, wobei das französische Mandatsgebiet Kamerun die Regierung in Vichy anerkannte.
Es waren jedoch die Sendboten des sogenannten Freien Frankreichs des Generals de Gaulle die Offiziere Leclerc und Boislambert, die den Hochkommissar des Vichy-Regimes überzeugten im August 1940 die Seite zugunsten des Freien Frankreichs zu wechseln.

1946 wird das Statut Kameruns, das von Frankreich als Völkerbundsmandat verwaltet worden war, durch ein solches eines Treuhandgebietes unter der Oberaufsicht der Organisation der Vereinten Nationen ersetzt.

1948 wurde die Union des Populations du Cameroun (UPC) als erste politische Formation Kameruns gegründet.

1957 erhielt Kamerun eine Teilautonomie und zwei Jahre später eine volle Autonomie und schließlich am 1. Januar 1960 die Unabhängigkeit.

Während der ganzen Zeit des Völkerbundsmandats und in der Zeit der Treuhandgebietes der Vereinten Nationen blieb das System der sprachlichen Französisierung Kameruns durch die ausschließliche Erteilung jedweden Schulunterrichts in der französischen Sprache unverändert.

Westkamerun

Im von den Briten verwalteten Teil Kameruns wurde das Organisationsprinzip der indirekten Herrschaft (indirect rule) praktiziert, das die traditionellen Häuptlinge in die Kolonialverwaltung einbezog.

Die Sprachpolitik begünstigte die heimischen Sprachen und Englisch wurde vor allem lediglich als Unterrichtsfach erteilt.

Der Wechsel vom Völkerbundsmandat zum Treuhandgebiet der Vereinten Nationen erfolgte in gleicher Weise wie in Ostkamerun.

Die deutschen Pflanzungen, die 1939 beschlagnahmt worden waren, werden 1947 nicht rückerstattet, sondern in ein öffentliches Unternehmen unter der Bezeichnung Cameroon Development Corporation (CDC) umgewandelt.

In Kamerun unter britischer Verwaltung – von den Briten als British Cameroons bezeichnet – muß man zwischen Northern Cameroons mit islamisierter Bevölkerung und Southern Cameroons mit mehrheitlich christianisierter und animistischer Bevölkerung unterscheiden.

1954 wird British Cameroons ein autonomer Teil der britischen Kolonie Nigeria.

Nach Volksabstimmungen im März 1961 schließt sich Northern Cameroons dem unabhängigen Nigeria an und Southern Cameroons wird am 1. Oktober 1961 ein Teil der Bundesrepublik Kamerun.
Die beiden Teile dieser Bundesrepublik behalten ihre eigene Regierung und ihr eigenes Parlament mit ihrer eigenen Amtssprache.
Auf der Bundesebene besteht theoretisch eine amtliche Zweisprachigkeit. In der Praxis besitzt das Französische jedoch als vorherrschende Sprache eine Vorzugsstellung.

Bibliographie

– Rudolf Stumpf, La politique linguistique au Cameroun de 1884 à 1960. Comparaison entre les administrations coloniales allemande, française et britannique et du rôle joué par les sociétés missionnaires. Publications Universitaires Européennes, Série XXVII, Etudes asiatiques et africaines, volume 4, Peter Lang, Bern

– Jacques Leclerc, L’aménagement linguistique dans le monde, Cameroun, https://www.axl.cefan.ulaval.ca/afrique/cameroun.htm, aufgerufen am 24. März 2014

– Dietrich Köster, POLITISCHE FORTSCHREIBUNG DER VORMALIGEN DEUTSCHEN KOLONIEN SEIT 1920, Kolonien in Afrika, Kamerun, März 2004, aufgerufen am 24. März 2014

– Auguste Viatte, La Francophonie, Larousse, Paris 1969

– Robert Cornevin, Geschichte der deutschen Kolonisation, Hermann Hübener, Goslar 1974